Geschichte der deutsch-französischen Zusammenarbeit

Intensität und Vielfalt der deutsch-französischen Zusammenarbeit sind in Politik und Handel (beide Länder sind füreinander mit Abstand die wichtigsten Handelspartner), Bildung und Kultur beispiellos. Seit mehr als fünfzig Jahren ist die Zusammenarbeit auf der Grundlage einer historischen Aussöhnung zweier Länder gewachsen, die einst Kriegsgegner waren; gleichzeitig gehörte sie zu den Kernthemen der europäischen Integration und wirkte als deren Antriebskraft. In diesem Sinne erklärte Robert Schuman am 9. Mai 1950:

"Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen."

Seitdem erwächst jeder Schritt zur Vertiefung des europäischen Aufbauwerks aus einer Vision, die Deutschland und Frankreich gemeinsam ist.

Die Stärke des deutsch-französischen Paares rührt zum großen Teil von den engen Beziehungen her, die die beiden Länder im Laufe der Zeit in allen Bereichen geknüpft haben. Grundlegend ist dabei der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit (sog. Élysée-Vertrag), der am 22. Januar 1963 von Bundeskanzler Adenauer und General de Gaulle unterzeichnet wurde. Mit ihm werden drei Ziele verfolgt, die in der kurzen Gemeinsamen Erklärung zum Vertrag genannt werden: symbolische Besiegelung der deutsch-französischen Aussöhnung, Begründung einer echten Freundschaft zwischen den beiden Völkern und insbesondere der Jugend sowie Förderung des Aufbaus des "Vereinigten Europa …, welches Ziel beider Völker ist".

Auf politischer und institutioneller Ebene wurde mit dem Vertrag ein verbindlicher Zeitplan mit regelmäßigen Treffen auf allen Ebenen (Staats- und Regierungschefs, Minister, hohe Beamte) festgelegt, damit die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu einer Selbstverständlichkeit wird.

In der Folgezeit wurden diese Bestimmungen durch neue Abstimmungsstrukturen präzisiert und fortgeschrieben. So wurden 1988-1989 anlässlich des 25. Jahrestags des Vertrags der Deutsch-Französische Finanz- und Wirtschaftsrat, der Deutsch-Französische Umweltrat und der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat (DFVSR) eingerichtet. Im Rahmen des DFVSR wurde die Deutsch-Französische Brigade begründet, aus der 1993 das Eurokorps hervorging. Auch nach dem Vertrag von Nizza wollten Deutschland und Frankreich den informellen Austausch auf höchster Ebene in allen wichtigen europäischen und internationalen Fragen intensivieren. Dies führte zur Einrichtung des so genannten "Blaesheim"-Prozesses, in dessen Rahmen der französische Staatspräsident und der deutsche Regierungschef sowie ihre Außenminister etwa alle zwei Monate zusammenkommen.

Die große Neuerung, die der Vertrag mit sich brachte, bestand jedoch auch und gerade in der starken Einbindung beider Zivilgesellschaften insbesondere in Bildung, Forschung, Kultur oder Jugendaustausch. Ein beispiellos dichtes Netzwerk binationaler Institutionen, aber auch Verbänden und Partnerschaften zwischen Gebietskörperschaften belebt und bereichert seither die deutsch-französische Zusammenarbeit. Seit dem 25. Jahrestag des Elysée-Vertrags (22. Januar 1988) belohnen die beiden Regierungen besonderes Engagement in diesem Bereich, indem sie jährlich an zwei Persönlichkeiten oder zwei Institutionen aus Deutschland und Frankreich den Adenauer-de Gaulle-Preis verleihen (die Liste der Preisträger finden Sie hier). Drei deutsch-französische Institutionen sind ebenfalls beispielhaft für den Reichtum und die Vielfalt der deutsch-französischen Kooperation:

  • das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW), das 1963 auf der Grundlage des Élysée-Vertrags geschaffen wurde und bislang 250.000 Begegnungen gefördert hat, die etwa 7,5 Millionen Jugendliche ermöglicht haben, den Nachbarn zu entdecken. Diese Erfolgsgeschichte führte zur Gründung des Office franco-québécois pour la jeunesse auf französischer und des Deutsch-Polnischen Jugendwerks auf deutscher Seite;
  • der Fernsehsender ARTE, dessen Gründung 1990 beschlossen wurde und der einen der wichtigsten Sender im kulturellen Bereich darstellt, sogar außerhalb Europas;
  • die Deutsch-Französische Hochschule, die 1999 auf dem Gipfeltreffen von Weimar gegründet wurde und aus einem Netzwerk von Vereinbarungen zwischen deutschen und französischen Hochschulen besteht; sie verleiht dem Deutsch-Französischen Hochschulkolleg, das mehr als zehn Jahre lang in einem wirklich "bikulturellen" Geist gewirkt hatte, eine neue Dimension.

Die Feiern zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrags am 22. Januar 2003 boten Gelegenheit, der deutsch-französischen Zusammenarbeit neuen Schwung zu verleihen. Dazu gehörten bedeutende, noch nie da gewesene Ereignisse mit Symbolkraft wie die Abhaltung des ersten Deutsch-Französischen Ministerrats, eine gemeinsame Sitzung der Assemblée nationale und des Bundestags in Versailles und die Versammlung eines Jugendparlaments am 23. Januar in Berlin. Der französische Staatspräsident und Bundeskanzler Schröder nahmen bei dieser Gelegenheit eine Gemeinsame Erklärung an, in der auf die Errungenschaften aus vier Jahrzehnten deutsch-französischer Zusammenarbeit hingewiesen wird und die für jeden ihrer im "deutsch-französischen Tandem" zusammenkommenden Minister allgemeine Leitlinien zur Fortsetzung und Vertiefung der bilateralen Zusammenarbeit mit ausdrücklich europäischer Zielsetzung festlegt. In diesem Text sind auch Maßnahmen zur Stärkung der Verfahren der bilateralen Abstimmung vorgesehen:

  • die Abhaltung der im Élysée-Vertrag vorgesehenen halbjährlichen deutsch-französischen Gipfeltreffen in Form regelmäßiger Deutsch-Französischer Ministerräte;
  • die Benennung eines Beauftragten (Generalsekretärs) für die deutsch-französische Zusammenarbeit in jedem Land, der die Vorbereitung, Durchführung und weitere Behandlung der Beschlüsse der politischen Abstimmungsgremien und die Annäherung der beiden Länder in den europäischen Gremien koordiniert. Die beiden Beauftragten (die Staatsminister für Europa) werden ferner von einem Vertreter aus dem Partnerland unterstützt;
  • die allgemeine Einführung des Beamtenaustauschs auch auf Kabinettsebene.

Mit ihren unbestreitbaren Errungenschaften und ihrer einzigartigen Kraft als Impulsgeber vermag sich die deutsch-französische Zusammenarbeit zu erneuern und stetig anzupassen, um die großen Herausforderungen in Europa und der Welt zu bewältigen.

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