1.
Im Januar 2003 wurde in der Gemeinsamen Erklärung zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags die Notwendigkeit hervorgehoben, die Solidarität zwischen Deutschland und Frankreich im Rahmen einer sich stetig erweiternden Europäischen Union durch intensivere Zusammenarbeit zu stärken. Zur Erreichung dieses Zieles wurde in der Erklärung vorgeschlagen, ein Bildungsmodell zu unterstützen, das es den Jugendlichen ermöglicht, zwei europäische Fremdsprachen zu beherrschen, und den Erwerb der Partnersprache zu fördern, damit die Jugendlichen in Frankreich und Deutschland ihre beiden Länder als einheitlichen Raum für die Durchführung ihrer Ausbildung und die Ausübung ihres Berufs wahrnehmen.
Auch das Abschlusskommuniqué des ersten Treffens der deutschen Länder und der französischen Regionen (Poitiers, 28. Oktober 2003) hat die die Verbesserung der Sprachkenntnisse und des Wissens über die Kultur des Anderen zu einer der zentralen Herausforderungen erklärt und nennt als Ziel die Erhöhung des Anteils derjenigen, die die Partnersprache erlernen, um 50 % innerhalb von 10 Jahren.
2.
Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Situation der Partnersprachen Rückgang in Frankreich und Stagnation in Deutschland haben wir zur Umsetzung der o.g. Ziele beschlossen, auf eine Privilegierung der Partnersprachen Deutsch und Französisch in den Bildungssystemen Frankreichs und Deutschlands hinzuwirken:
- Durch gemeinsame strukturelle Maßnahmen in Deutschland und Frankreich soll zum Erlernen der Partnersprache motiviert werden. Im schulischen Lebenslauf soll ein innerer Zusammenhang von Spracherwerb, Zertifizierung, Austausch und Abschluss verankert werden, der eine besondere Kompetenzbildung ermöglicht; Schülerinnen und Schüler beider Länder sollen sich künftig im Laufe ihrer schulischen Laufbahn durch den Erwerb der Partnersprache sowie verbesserte Austauschmöglichkeiten besonders qualifizieren und für Ausbildung und Berufstätigkeit im Partnerland positionieren.
Unter anderem sollen Schüler, Eltern und Lehrkräfte systematisch über die Vorzüge des Erlernens der Partnersprachen informiert werden. Diese Information wird z.B. herausstellen, dass
- Deutsch und Französisch die am häufigsten gesprochenen Muttersprachen Europas
- und Frankreich und Deutschland füreinander die wichtigsten Wirtschaftspartner sind
- das Erlernen der Partnersprache deutschen und französischen Kindern und Jugendlichen das Erlernen weiterer Sprachen erleichtert
- für junge Deutsche und Franzosen die Kenntnis der Partnersprache die entscheidende Zusatzqualifikation auf dem europäischen Arbeitsmarkt darstellen kann.
Weiterhin soll der Deutsch-Französische Tag am 22. Januar jeden Jahres stärker als bisher umfassend zur Information der Eltern über und Motivation der Schüler für die Partnersprachen Deutsch und Französisch genutzt werden unter Beteiligung aller Akteure der deutsch-französischen Zusammenarbeit, insbesondere der Schul- und Städtepartnerschaften, der in beiden Ländern tätigen Unternehmen, der deutsch-französischen Gesellschaften, der regionalen und lokalen Medien sowie der Eltern- und Schülerverbände.
- Durch spezifische strukturelle Maßnahmen in Frankreich soll insbesondere das Angebot von Deutschunterricht in allen Schulakademien flächendeckend beibehalten sowie von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe systematisch ausgeweitet werden.
Der Bevollmächtigte wird sich gegenüber den Ländern insbesondere dafür einsetzen, dass durch spezifische strukturelle Maßnahmen in Deutschland Schülerinnen und Schüler so früh wie möglich mit Französisch in Berührung kommen bzw. Französisch bis zum Abitur lernen.
Für Rückfragen auf deutscher Seite steht der Bevollmächtigte zur Verfügung.
Anlage
Die Bedeutung der Partnersprachen Deutsch und Französisch in Europa
Die Stellung des Englischen als globaler Verkehrssprache ist unverkennbar. Dennoch reichen Englischkenntnisse allein auch künftig entgegen weit verbreiteter Meinung nicht aus. Man kann zwar in englischer Sprache einkaufen, zum Verkaufen aber bedient man sich besser der Sprache des Kunden. Um Marktanteile zu gewinnen, ist es erforderlich, dass man über Führungskräfte verfügt, die die Kundensprache beherrschen. Bislang können laut einer Schätzung des französischen Arbeitsamtes allein in Frankreich mehrere zehntausend Stellen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht oder nicht richtig besetzt werden. Nur durch die Beherrschung weiterer europäischer Verkehrssprachen wird aus einem vermeintlichen Wettbewerbsnachteil kein englischer Muttersprachler zu sein ein realer Wettbewerbsvorteil.
Der Zugang zu echter Mehrsprachigkeit und zu den mit anderen Sprachen erschlossenen Kulturen ist daher nicht nur ein politisches Ziel, sondern auch ein Gebot politischer und wirtschaftlicher Vernunft. Europa braucht eine ausreichende Anzahl von Bürgern, die neben Englisch mindestens eine weitere Fremdsprache und damit die dahinter stehenden Kulturen kennen gelernt haben.
Eine realistische Beurteilung der Sprachensituation in Europa zeigt, dass Deutsch und Französisch eine besondere Rolle spielen: Es gibt keine Sprachen, die nach oder neben Englisch eine so herausragende Bedeutung als europäische Verkehrssprachen haben wie Deutsch und Französisch. In Europa liegen Deutsch und Französisch als Muttersprache an erster und zweiter Stelle (ca. 96 Mio. bzw. 64 Mio.), gefolgt von Englisch an dritter Stelle (ca. 56 Mio.); auch als gesprochene Sprachen liegen Deutsch und Französisch (ca. 120 Mio. bzw. 75 Mio.) an zweiter und dritter Stelle hinter Englisch (ca. 175 Mio.). Französisch nimmt zusätzlich die Stellung einer von über 180 Mio. Menschen gesprochenen Weltsprache ein.
Mit Deutsch und Französisch erschließt sich der sprachliche und kulturelle Zugang zu den beiden wichtigsten Wirtschaftspartnern und damit Arbeitsmärkten Europas (bilaterales Handelsvolumen: ca. 120 Mrd. € zum Vergleich: bilaterales Handelsvolumen Deutschlands und Frankreichs mit Spanien und dem gesamten spanischsprechenden Südamerika zusammen: jeweils ca. 65 Mrd. €); ebenso zu den wichtigsten Investitions-, Forschungs- und Technologieräumen Europas.